Mittwoch, 03.10.2012
Jetzt sind wir schon fast zwei Jahre in der Schweiz, aber eines der berühmtesten Wahrzeichen dieses Landes, das weltbekannte Matterhorn, haben wir bis heute noch nicht mit eigenen Augen gesehen. Höchste Zeit, dem Abhilfe zu schaffen. Und da wir gerade auch noch einen lieben Gast im Haus haben - unsere Schwester/Schwägerin Gabi - können wir das Abenteuer gleich zu dritt bestreiten.
Um 10:02 Uhr geht es los mit dem Intercity ab Zürich Hauptbahnhof. Gerade mal drei Stunden dauert es, um zum südlichen Ende der Schweiz nach Zermatt zu kommen. Erst geht es über Bern, Thun und Spiez bis nach Visp, dort steigen wir um in einem Bummelzug, der nochmal eine gute Stunde bis nach Zermatt benötigt. Gerade diese letzte Stunde bietet aber schon einiges fürs Auge. Hügel mit vereinzelten Hütten, Wiesen, viel Wald, malerische Orte und am Horizont die ersten schneebedeckten Gipfel. Obwohl wir mitten in der Woche fahren, ausserhalb der Rush-Hour und die Herbstferien noch nicht angefangen haben - die starten erst in der kommenden Woche -, ist der Zug nach Zermatt richtig voll. Ein ziemlich buntes Sammelsurium von in- und ausländischen Touristen belegt die Waggons. In unserem Wagen gibt es einen besonders lautstarken Amerikaner, der seine Sitznachbarn während der gesamten Fahrt mit seinen Anekdoten unterhält. Wie gut, dass der nicht bei uns gelandet ist.
Gegen 13:00 Uhr sind wir dann endlich da. Jetzt heisst es erst einmal, unser Hotel zu finden. Mit all den Anzeigetafeln, Prospekten und Touristeninformationen ist das kein grösseres Problem. Zermatt ist wirklich durch und durch auf Tourismus ausgerichtet. Allein schon die schiere Anzahl der Hotels, Apartements, Studios, Chalets, Herbergen und Ferienwohnungen erschlägt einen regelrecht. Und natürlich ist für jeden Geschmack, Komfort und Geldbeutel etwas dabei. An einem der mondänsten Hotels am Platze, dem Zermatterhof, kommen wir auf dem Weg zu unserer Unterkunft direkt vorbei. Aber nicht nur in Sachen Wohnen fährt Zermatt gross auf, sondern natürlich auch beim Essen und Trinken. Vom einfachen Imbiss und Bistros über Selbstbedienungs-Kantinen bis hin zu gemütlichen Restaurants mit nationaler und internationaler Küche ist alles vertreten, was dem Gaumen Freude bereitet. Für das gepflegte Heissgetränk zwischendurch hat es natürlich auch zahlreiche Cafés und Teestuben. Und wie es sich für einen Schweizer Touristenort gehört, dürfen natürlich auch die Souvenirshops und Luxusboutiquen nicht fehlen. Egal, ob es einen nach einem Edelchronometer, sündhaft teurem Geschmeide, altem Whisky oder einem Pelzmantel verlangt, die Fussgängerzone bietet alles, was die Kreditkarte zünftig rauchen lässt.
Eine überaus angenehme Eigenschaft von Zermatt ist, dass hier keine Autos erlaubt sind. Der komplette Ort ist autofrei, zum Transport stehen ausschliesslich ulkig aussehende, kastenförmige Elektrofahrzeuge zur Verfügung. Das hat allerdings auch seine Tücken, wie wir schon auf dem Weg zum Hotel merken, denn man hört die Dinger kaum, wenn sie sich einem von hinten nähern.
Der Weg zum Hotel Bristol führt uns einmal quer durch die Fussgängerzone bis zur Kirche, dort biegen wir links ab, vorbei am Bergsteigerfriedhof, von dem uns schon Kollege Gerd berichtet hat. Hier liegen die diversen Opfer der umliegenden Berge, die bei ihren Besteigungsversuchen zu Tode gekommen sind. Ein erstaunlich hoher Anteil der hier zur Ruhe Gebetteten stammt aus Großbritannien. Woran das wohl liegt?
Kurz vor Erreichen des Hotels können wir dann den ersten Blick auf das Matterhorn erhaschen. Der Berg ist wirklich SEHR imposant, daran ändert auch die kleine Wolke nichts, die sich an seine linke Seite geschmiegt hat. Ohnehin haben wir heute mit dem Wetter richtig Glück, denn es hat nur ganz leichte Bewölkung mit reichlich blauem Himmel und sehr angenehme Temperaturen. Da wir die Pracht heute noch ein gutes Stück intensiver geniessen wollen, checken wir fix im Hotel ein und machen uns dann direkt wieder auf den Rückweg zum Bahnhof, wo die Talstation der Gornergratbahn ist. Diese Zahnradbahn führt auf den gleichnamigen Grat, von dem aus man einen großartigen Rundblick auf die umliegenden Viertausender hat. Schon die halbstündige Fahrt über insgesamt fünf Stationen ist ein Augenschmaus. Unterhalb der Baumgrenze geht es durch wilde Wald- und Felslandschaften, die immer wieder den Blick auf das Matterhorn freigeben. Etwas weiter oben geht es dann durch Fels und Geröll, bis wir schliesslich einen komplett unverstellten Blick über die Gletscher und schneereichen Gipfel haben. Da weiß man mal wieder gar nicht, wohin man die Kameralinse zuerst richten soll. Schon während der Fahrt knipse ich mit einer chinesischen Dame um die Wette.
Mitten auf dem Gornergrat liegt ein grosses Hotel und Observatorium. Hier oben ist die Lichtverschmutzung sicherlich extrem gering. Schade, dass wir - zumindest heute - keine Gelegenheit haben, von hier oben den Sternenhimmel zu bewundern. Vielleicht ein anderes mal. Nachdem wir die ersten Eindrücke ausführlich genossen haben, organisieren wir uns erst einmal ein (sehr) spätes Mittagessen. Immerhin haben wir schon drei Uhr durch. Leider machte die Küche des Hotelrestaurants genau um drei Uhr dicht, so dass wir mit dem Selbstbedienungsbistro Vorlieb nehmen müssen. Was hier allerdings noch so in den Glasvitrinen und Warmhaltevorrichtungen herumliegt, sieht nicht gerade berauschend aus. Besonders die warmen Speisen sind schon mit einer sehr unappetitlichen Kruste überzogen. Der mit Abstand noch vertretbare Kompromiss besteht aus Rührteig-Obstkuchen (Aprikose und Zwetschgen) und einer Tasse Kaffee bzw. Kakao. Damit überbrücken wir zumindest mal die nächsten Stunden und dann fällt das Abendessen heute einfach etwas opulenter aus.
Jetzt geht es auf die Aussichtsplattform, dem höchstgelegenen Punkt hier oben. Beim Aufstieg zur Plattform merken wir schon, dass es hier oben wesentlich anstrengender ist, bergauf zu laufen, als unten im Tal. Die Pumpe geht spürbar schneller. Ein absolut genialer 360°-Rundblick und dank der praktischen Infotafeln können wir die Berge und Gipfel auch leicht bestimmen. Die meisten Berge haben ein "Horn" im Namen, u.a. gibt es neben dem Matterhorn das Weisshorn, das Breithorn, das Bietschhorn und - der ulkigste Name - das Rimpfischhorn. Aber es gibt auch horn-freie Namen, wie z.B. Castor und Pollux. Ein Stündchen geniessen wir die schöne Aussicht hier oben und machen viele Fotos.
Dann geht es wieder zurück zur Bahnstation und weil wir bis zum Abendbrot noch ein bisschen Zeit haben, entscheiden wir uns dafür, die Etappe bis nach Rotenboden zu Fuss zurückzulegen. Wenn wir schonmal im Hochgebirge sind, wollen wir das auch gleich ausnutzen. Das richtige Schuhwerk dafür haben wir ja an den Füssen. Der Weg führt uns etwa eine Dreiviertelstunde durch Felsen und Geröll. Man kann den Pfad zwar gut erkennen, aber vorsichtig muss man trotzdem sein. Nach kurzer Zeit werden wir von einem Quartett Mountainbiker überholt. Mit ein bisschen Übung macht das bestimmt viel Spaß, bis nach Zermatt ins Tal zu sausen. Neben den Bikern treffen wir nur noch auf eine junge Koreanerin (in Turnschuhen...), die alle paar Schritte Fotos macht. Lustigerweise benutzt sie dafür zwei Kameras, eine große und ihre Handykamera. Ganz dem Klischee entsprechend bittet sie uns, sie vor der schönen Bergkulisse zu knipsen. Das machen wir doch gern und sie erwidert uns die Gefälligkeit. Danach trennen sich unsere Wege wieder und wir setzen den Abstieg zur Bahnstation fort. Wir haben riesiges Glück, denn die Bahn nach Zermatt kommt praktisch zeitgleich mit uns an der Station an. Auf dem Rückweg können wir dann noch ein paar schwarze Eichhörnchen im Wald beobachten. Von denen gibt es hier einige, wie wir noch feststellen werden.
Randvoll mit tollen Gebirgseindrücken sind wir um kurz vor sechs wieder zurück im Ort. Jetzt heisst es nur noch, aus den reichhaltigen Angebot an Restaurants ein geeignetes herauszufinden. Die Speisekarten lesen sich durchweg sehr köstlich. Am Ende entscheiden wir uns für das Restaurant China Garden. In Sachen Timing haben wir heute einen richtig guten Tag erwischt, denn das Restaurant hat gerade eben geöffnet. Bedient werden wir von einer netten Berlinerin. Das Essen ist gut, aber da hier traditionelle chinesische Küche serviert wird, fallen mache Speisen etwas anders aus als erwartet. Das merkt man insbesondere bei den Suppen. Ebenfalls ungewohnt ist der Umstand, dass man hier Beilagen wie Reis oder Gemüse separat bestellen muss. Alles in allem sind wir aber zufrieden und satt geworden. Zum Abschied plaudern wir noch kurz mit unserer Kellnerin. Sie freut sich, mal wieder auf Leute zu treffen, die mit dem Begriff "Schrippe" was anfangen können.
Bevor wir den Tag beschliessen, trinken wir noch gemütlich einen Latte Macchiato im Hotel und schmökern in diversen Touristenprospekten. Der Ort und die nähere Umgebung bieten schon so einiges, da kann man noch ein paarmal wiederkommen. Selbst Helikopterrundflüge stehen auf dem Programm. Für morgen entscheiden wir uns noch für die Besichtigung der Gornerschlucht. Sie liegt nur zwanzig Gehminuten vom Ortskern entfernt und bietet wohl ein besonders schönes Naturerlebnis.
Donnerstag, 04.10.2012
Viertel nach acht sind wir mit Gabi zum Frühstück verabredet. Die Auswahl am Buffett kann sich durchaus sehen lassen, allerdings fehlen die sonst obligatorischen Rühreier. Dafür kann man sich hier mit Hilfe von kleinen Siebkörbchen und einem Topf mit kochendem Wasser seine Frühstückseier individuell selbst kochen. Nette Idee, aber das ist uns heute zuviel Umstand. Wie man es bei einem Schweizer Hotel erwarten würde, gehören zum Frühstückssortiment auch viele Käsespezialitäten, ein guter Teil davon direkt aus der Region. Nach dem Frühstück wird gepackt und ausgecheckt. Die schweren Rucksäcke können wir aber noch im Keller lassen. Sehr praktisch für den anstehenden Ausflug.
Obwohl der Weg zur Gornerschlucht - rückblickend betrachtet - wirklich sehr einfach ist, haben wir drei Experten es tatsächlich geschafft, uns auf dem Weg dorthin gleich zweimal zu verfransen. Dabei muss man allerdings einräumen, dass eines der Schilder wirklich irreführend angebracht war. Am Ortsausgang kommen wir noch an einem Kletterpark vorbei. Der wirkt allerdings so, als hätte man mit Gewalt versucht, noch ein paar Quadratmeter ungenutzter Fläche touristisch zu erschließen. Und wer möchte schon in Zermatt in einen Kletterpark, wenn man ringsum Kletter- und Kraxel-Herausforderungen in allen Schwierigkeitsgraden hat? Da hat einer die berühmten Eulen nach Athen getragen.
Heute herrscht übrigens reger Helikopterbetrieb in Zermatt. Durch das unwegsame Gelände können Baumstämme nur durch die Luft transportiert werden. Die Stämme werden dabei an einem langen Transportkabel befestigt. Wir kommen direkt an dem Platz vorbei, an dem die Baumstämme abgeladen werden. Ziemlich spannend, das mal aus nächster Nähe zu beobachten.
Die Gornerschlucht kann sich wirklich sehen lassen. Erstmal geht es ein kleines Stück bergauf durch den Wald bis zu einer Hütte, wo man das Eintrittsgeld bezahlt. Hier tummeln sich insgesamt drei Eichhörnchen und Dutzende Vögel, da hier wohl gerade erst die morgendliche Fütterung stattfand. Die Eichhörnchen krabbeln dabei ohne falsche Bescheidenheit in die Vogelhäuschen rein und futtern sich die Bäuche rund. Allzu scheu sind die putzigen Kerlchen hier nicht.
Nach der lustigen Kleintiershow geht es dann in die eigentliche Schlucht. Hölzerne Stege, Brücken und Leitern führen an und auf den Felsen entlang. Kaum zu glauben, dass so ein zerklüfteter Canyon ausschließlich von fließendem Wasser geformt wurde. Der Weg durch die Schlucht ist ein wunderschöner Rundweg, der auf der anderen Seite von Zermatt endet. Das hat sich wirklich gelohnt.
Unser Rückweg führt uns noch einmal quer durch den ganzen Ort. An vielen Stellen herrscht reger Baubetrieb. Kein Wunder, in wenigen Wochen geht hier die Skisaison los und da muss natürlich alles "tiptop" sein. Wir holen noch unser Gepäck aus dem Hotel und dann geht es zum Bahnhof. Da wir noch ein halbes Stündchen Zeit haben, gönnen wir uns noch einen letzten Kaffee und einen Zucker-und-Zimt-Crepé in einen kleinen Café nahe des Bahnhofs. Dann geht es zurück nach Zürich. Zermatt, wir kommen bestimmt nochmal wieder.