Für Mittwoch, den 20.12.2006 sind Peter und ich von seinem ehemaligen Studienkollegen J. N. zur Hochzeit nach Zürich eingeladen worden. Eine in doppelter Hinsicht spannende Angelegenheit, weil wir bisher noch nicht in der Schweiz waren und ausserdem an einer jüdischen Hochzeit teilnehmen dürfen. Nicht feige, sondern sehr gespannt haben wir zugesagt und uns vorher ausgiebig informiert, auf welche Gepflogenheiten und Sitten sowie Kleidungsvorschriften wir Rücksicht nehmen sollten.Was mich am meisten an der Feier verunsichert hat, war die Trennung der Gäste nach Geschlechtern. Auf einer Seite des Festsaales (Gartensaal des Kongresshauses Zürich) waren alle Frauen, auf der anderen Seite alle Männer versammelt. Beide Gruppen wurden von Pflanzkübeln als Sichtschutz getrennt. Diese Aufteilung herrschte während der Trauungsfeier als auch bei der abendlichen Feier mit Dinner und Tanz.
Als wir nach kurzem Flug in Zürich ankamen sind wir erstmal im Hotel eingecheckt und haben uns frisch gemacht sowie für die Feier umgezogen. Peter hatte es recht einfach, ein schwarzer Anzug mit weissem Hemd und Krawatte (in schlichtem dunkelgrün) und eine schwarze Kippa (oder Jarmulka) reichten schon aus, um ihn unauffällig für die Hochzeitsgesellschaft zu machen. Ich dagegen wurde vor die Frage gestellt, wie ich als verheiratete Frau am besten mein Haar bedecken würde und habe mich dann für einen breiten Schal entschieden. Natürlich fielen wir dennoch auf, weil wir unsicher waren, wie wir uns verhalten sollten und nicht ein bekanntes Gesicht (bis auf Joachim, den ich aber vor 6 Jahren das letzte Mal gesehen habe und noch ohne Bart in Erinnerung habe) zu entdecken war. Ausserdem: nur Peter konnte sich Joachim nähern, weil ich ja auf der Frauenseite bleiben musste.
Zum genauen Ablauf der Zeremonie kann ich nicht viel schreiben, ausser dass es eine Begrüssung durch die Braut/Bräutigam gab, eine Art "Heiratsvereinbarung" wurde gelesen (während der die Braut ein Tuch auf dem Kopf trug), die förmliche Trauung fand unter dem Traubaldachin statt, Segenssprüche wurden verlesen und anschließend folgte das Zertreten des Glases und der allseitige Ruf "Masel Tow" (Viel Glück!). Danach gab es einen Empfang und Verköstigung mit süssen und herzhaften Kleinigkeiten.
Abends beim Dinner ergab sich übrigens (sGw) die wunderbare Fügung, dass wir auf andere nicht jüdische Gäste trafen, mit denen Peter und ich uns dann zu Tisch setzen konnten. Die absolute Aussenseiterrolle war gebrochen und meine Befürchtung, mit mehr oder minder magerem Kontakten den Abend zu verbringen, löste sich in Luft auf. Das Essen, die Stimmung und die Tanzfähigkeiten der Gäste waren mitreissend. Auch die von einem Tischredner (Herr Rothschild) vorgetragenen Anekdoten lockerten die Stimmung angenehm auf. Nach den verschiedenen Gängen des Abendessens gab es immer wieder kleine Ansprachen mit starkem religiösem Einschlag, wiederum Segenssprüche auf hebräisch und auch eine Dankesrede des Bräutigams. Auch wurde immer mal wieder eine Tanzpause mit fetziger Musik eingelegt, so dass sich keinerlei Völlegefühl einstellen konnte.
Alles in allem eine interessante und lehrreiche Erfahrung, an einer für unseren Kultur-/Religionskreis fremden Hochzeit teilzunehmen. Insbesondere hat sie gezeigt, wie stark das Gefühl der Zusammengehörigkeit innerhalb einer Gemeinde oder auch innerhalb der jüdischen Kultur ist, Aussenstehende werden höflich aber mit Distanz behandelt.
Soweit der Mittwoch. Am Donnerstag, 22.12.06 stand abends um 21.35 Uhr der Rückflug an, so dass wir noch den ganzen Tag für einen ausgiebigen Einkaufs- und Stadtbummel in Zürich hatten. Ein paar Fotos der Hochzeit und Schnappschüsse aus der Stadt habe ich in einem Fotoalbum bei Picasa hinterlegt. Viel Spass beim ansehen.
2 Kommentare:
Das ist wirklich mal interessant. Warum trennen sie denn die Geschlechter? Und wirklich anschaulich geschrieben. Vielleicht sollte ich mir das mal abgucken und dafür weniger Bilder machen. =)
Das ist bei orthodoxen Juden üblich, ich nehme an, dass es mit dem Rollenbild von Mann und Frau zu tun hat. Es wird auch strenger auf das Verhalten von Verheirateten und Unverheirateten geachtet - so hatte ich bei der Feier auch meine Haare bedeckt, damit sie nur mein Mann zu Gesicht bekommt. :-)
Witzig ist, dass manche Frauen diese Tradition mit einem Trick erfüllen, so tragen sie statt eines Hutes oder Tuchs eine Perücke.
Danke auch für das Lob. :-)
Kommentar veröffentlichen